14. September 2022

Wie denn nun? Händedesinfektion, aber richtig!

Die Händedesinfektion ist als wichtigste Maßnahme wissenschaftlich anerkannt, um Infektionen zu vermeiden. Doch da Zeit- und Arbeitsdruck immer höher werden, gerät die Händedesinfektion in die Diskussion.

Von Gerhard Schröder

Seit den Studien von Ignaz Semmelweis aus dem Jahre 1848 gilt die Händehygiene als wichtigste Maßnahme, um Keimübertragungen auf den/die Patient:in zu verhindern. Doch auch heute erleben wir ähnliche Reaktionen wie damals nach der Veröffentlichung der Studien von Semmelweis: Er wurde von seinen ärztlichen Kollegen nicht ernst genommen und seine eindeutigen Ergebnisse wurden damals als „spekulativer Unfug“ abgetan. Semmelweis verstarb mit 47 Jahren in der Psychiatrie unter unklaren Umständen.

Wenn es darum geht, Infektionen bei Patient:innen zu vermeiden, ist die Händedesinfektion inzwischen weltweit als die wichtigste Maßnahme wissenschaftlich anerkannt. Doch in Zeiten, in denen niemand Zeit hat und der Arbeitsdruck immer höher wird, gerät die Händedesinfektion als Maßnahme der Hygiene in Diskussion. „Übertrieben“ – „Da müsste man zwei Stunden am Tag mehr arbeiten“ sind Aussagen, die wir alle kennen. Würde man die Keime an den Händen sehen können, wäre die Händedesinfektion wohl mehr umgesetzt.
Gibt es gültige Vorgaben, wie oft und wann die Händedesinfektion wie durchzuführen ist? Ja, es gibt seit einigen Jahren vom Arbeitskreis „Krankenhaus- und Praxishygiene“ der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften“ (www.awmf.org) eine Leitlinie „Händedesinfektion und Händehygiene“. Sie ist allgemein gültig und letztlich verbindlich.

Präparate gut verträglich

Die zur Anwendung kommenden Präparate müssen vom Verbund für angewandte Hygiene (VAH) gelistet sein. Nur für behördlich angeordnete Desinfektionsmaßnahmen müssen die Produkte der Liste des RKI entsprechen. Die Händedesinfektionsmittel basieren auf Alkohol und beseitigen dadurch vor allem Bakterien. Bei Auftreten von Adeno-, Noro- oder Rotaviren (Durchfallerkrankungen) muss das Desinfektionsmittel die Bezeichnung „begrenzt viruzid“ oder „begrenzt viruzid plus“ aufweisen. Bei behüllten Viren wie Papillomviren muss die Bezeichnung „viruzid“ angegeben sein. Ethanol ist bei Viren wirksamer als Propanole.
Alkohole wirken nicht bei sporenbildenden Erregern (Clostridien). Deshalb wird bei Patient:innen mit sporenbildenden Keimen empfohlen, dass man medizinische Schutzhandschuhe trägt und nach der Händedesinfektion die Hände gründlich mit einem Handseifenprodukt wäscht.

Die heute verwendeten Präparate sind allgemein gut verträglich – sofern sie richtig angewendet werden. Studien zeigten, dass die Umstellung von Händewaschen mit Seife auf Händedesinfektion mit alkoholhaltigen Produkten zu einer deutlichen Verbesserung des Hautzustandes der Beteiligten führte.

Nicht nur die Menge ist maßgeblich

Eine Studie von Prof. Kampf und Kollegen (2013) konnte nachweisen, dass eine zu geringe Menge an Händedesinfektionsmittel mit einer schlechteren Keimreduktion einhergeht. Die Hände werden bei weniger als zwei Milliliter Händedesinfektionsmittel nur zu 40 Prozent benetzt.

Eine andere Studie von Scheithauer (2018) hat festgestellt, dass im Durchschnitt das Personal eines Krankenhauses nur 1,69 Milliliter pro Händedesinfektion verwendet. Laut Europäischer Norm 1500 sowie der Empfehlung des Robert Koch Institutes und der Leitlinie Händedesinfektion müssen mindestens (!) drei Milliliter pro Händedesinfektion verwendet werden.

Die Entnahmespender sind einstellbar, wie viele Milliliter pro Hub herauskommen sollen. Meistens beträgt die Menge zwischen knapp ein Milliliter bis zu 1,5 Milliliter. In der Praxis zeigten Beobachtungen, dass der Hub meist nicht komplett durchgedrückt wird, wodurch die Mange des Desinfektionsmittels geringer ausfällt.

Inzwischen gibt es spezielle Händedesinfektionsspender, die eine bessere Menge garantieren: Zum einen gibt es Spender, die elektronisch die richtige Menge abgeben. Man hält die Hand unter den Entnahmebereich und ein Sensor erkennt die Hand und gibt die Menge von drei Milliliter ab.

Zum anderen existieren aber auch Lösungen mit digitaler Technik: Bei diesen Spendern wird der Hub manuell mit dem Ellenbogen bedient. Jedoch erfasst das Gerät genau, wann und wie viel entnommen wurde.

Die Hände müssen trocken sein! Eine Handwaschung ist nur bei sporenbildendenden Erregern empfohlen. Seifen schädigen die Haut nachhaltig, deshalb weniger waschen, mehr desinfizieren!

Gerhard Schröder auf dem KAI 2022

Wundexperte Gerhard Schröder hat für den Kongress für Außerklinische Intensivpflege und Beatmung 2022 das an beiden Tagen stattfindende Wundplenum geplant und ist selbst als Referent dabei. Alle Informationen unter kai-intensiv.de/kongress

Technik ist nicht entscheidend

Die Einwirkzeit der heute üblichen Händedesinfektionsmittel beträgt 30 Sekunden. Die Hände müssen trocken sein und das Desinfektionsmittel muss die vorgegebenen 30 Sekunden die Hände komplett benetzen – anschließend darf nicht abgetrocknet werden. Dies erfordert eine Menge von mindestens drei Milliliter, bei sehr großen Handflächen eindeutig mehr.

Bis vor wenigen Jahren wurden die „6 Schritte der korrekten Händedesinfektion“ gelehrt. Dieses Vorgehen wird sogar in einer Norm festgehalten: Die DIN EN 1500 gibt sechs Schritte vor, jeder Schritt sollte fünf Sekunden durchgeführt werden. Vergleichsstudien haben diese sechs Schritte in der Wirksamkeit mit eigener Technik gegenübergestellt und keine Vorteile für die Sechs-Schritt-Methode erkennen können. Deshalb werden die sechs Schritte nicht mehr zwingend vorgegeben. Vielmehr muss jeder Anwender darauf achten, dass vor allem Fingerspitzen, Nagelfalze und Fingerkuppen sowie Daumengrundgelenk ausreichend benetzt werden.

Schulung und Aufklärung

Um die Händehygiene zu verbessern, bieten sich in allen Einrichtungen Schulungen für alle Beteiligten an: Wann wird wie viel entnommen? Wie bedient man den Spender? Die Hersteller für Händedesinfektionsmittel bieten zudem seit Jahren immer wieder UV-Lampen an, die zu Schulungszwecken eingesetzt werden. Ein speziell für die Schulung zubereitetes Händedesinfektionsmittel wird von der jeweiligen Kraft selbst angewendet. Nach 30 Sekunden werden die Hände unter die UV-Lampe gehalten und man kann optisch genau erkennen, wo das Mittel hingekommen ist und wo nicht.

Gerhard Schröder

Gerhard Schröder

Lehrer für Pflegeberufe, PDL, Direktor der Akademie für Wundversorgung in Göttingen; info@akademie-fuer-wundversorgung.de

Bild: AdobeStock/Robert Poorten

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